Die neue Kernkompetenz der NATO: Vertrauen unter den Mitgliedstaaten

Der allgemeine Sparzwang ist in den Verteidigungsetats der europäischen und transatlantischen Verbündeten deutlich zu spüren. Wie lässt sich dennoch eine stärkere und schlagkräftigere NATO mit dieser Grundstimmung des Sparens vereinbaren? Wie kann man mit weniger Geld mehr leisten? Die Antwort auf dem NATO-Gipfel in Chicago ist in Verteidigungskreisen nicht neu. Sie lautet: Nationale Effizienzsteigerung einerseits und Smart Defence multinational.

Nicht jeder muss alles können und nicht jeder muss alle neuen Waffensysteme selbst entwickeln und beschaffen. Vielmehr gehe es nach Meinung des NATO-Generalsekretärs Rasmussen um eine gemeinsame Abstimmung, um Kooperation, um Pooling & Sharing und letztlich um die verteidigungspolitische Unterordnung nationaler Partikularinteressen unter globale Bündnisinteressen. Vorausgesetzt, die Bündnispartner agieren wirklich als Partner, setzen Vertrauen ineinander und sind auch dazu bereit, Fähigkeiten anderen Bündnispartnern zu überlassen.

Das Paradebeispiel der NATO soll neben bisherigen Einsätzen das nunmehr teilweise einsatzbereite Raketenabwehrsystem sein. Es ist als militärisches Großprojekt nicht nur ein planerisches und technisches Projekt, vielmehr ist es auf politischer Ebene interessant. Welchen Anteil erbringt welcher Staat? Funktioniert die Aufgabenverteilung? Funktioniert der gemeinsame Stab in Ramstein? Es könnte als Pilotprojekt für Ähnliches dienen. Daneben gibt es eine Reihe weiterer Projekte, teils im kleineren Rahmen, teils in ähnlichen Dimensionen, die man sich hier näher anschauen kann.

Die Zusammenfassung des NATO-Gipfels lautet also kurzum: Weniger Geld muss eine stärkere Zusammenarbeit in Militärfragen nach sich ziehen. Diese Entwicklung ist voll und ganz zu unterstützen, jedoch bleibt ein fader Beigeschmack: Die Innenpolitik. Verteidigungspolitische Alleingänge aus rein innenpolitischen Motiven, wie sie nun in Sachen Afghanistanabzug von Hollande beschritten werden, zerstören das Vertrauen unter den Bündnispartnern. Wie gefährlich ein derartiger Vertrauensbruch sein kann, hat Deutschlands Haltung zum Libyen-Einsatz gezeigt. Neben all den Sparzwängen und Diskussionen um Smart Defence und Pooling and Sharing darf eines nicht vergessen werden: Das gegenseitige Vertrauen als Basis aller Kooperation.

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Literaturvorstellung: Positionspapier “Deutsch-polnische Impulse für Europa”

Kaum sind ein paar Tage vergangen, seitdem ich im Rahmen der deutschen außen- und sicherheitspolitischen Blogger über die mangelnde Zurkenntnisnahme Osteuropas in der deutschen Außenpolitik referiert habe (hier der Link zum Artikel), da veröffentlicht eine Initiative des Zentrums für Mittel- und Osteuropa der Robert Bosch Stiftung der DGAP, des Polnischen Instituts Berlin und der Stiftung für deutsch-polnische Zusammenarbeit ein Positionspapier, das in eine änliche Richtung geht.

Die Autoren Szymon Ananicz, Florian Hartleb, Agata Hinc und Nicolai von Ondarza fordern neue Impulse deutsch-polnischer Zusammenarbeit für eine Verbesserung der Politik in Europa. Vor allem geht es ihnen um drei Kernbereiche: Eine gemeinsame Außen- und Sicherheitspolitik, um die europäische Nachbarschaftspolitik und – ein Punkt, den ich in meinen Ausführungen nicht beachtet hatte – um Energiepolitik.

Das Positionspapier ist sehr lesenswert und steht auf dieser Seite der DGAP in deutscher, polnischer und englischer Sprache zum Download bereit.

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Sicherheit vernetzt in der Zeitschrift Leinen Los!

Eine erfreuliche Nachricht in Sachen Öffentlichkeitsarbeit dieses Blogs: In der aktuellen Maiausgabe von Leinen Los!, dem Magazin des Deutschen Marinebunds e.V., ist eine kurze Vorstellung von Sicherheit vernetzt sowie ein Interview mit mir zu lesen. Insbesondere die Überschrift “Blogger in Blau” finde ich sehr gelungen. Mein besonderer Dank geht an den Chefredakteur von Leinen Los!, Herrn Werner Schiebert sowie den stellvertretenden Chefredakteur, Herrn Matthias Faermann für die gute Zusammenarbeit.

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Quo vadis deutsche Außenpolitik? Die Dichotomie von Westintegration und östlicher Partnerschaft

Das deutsche Bild von Europa ist heutzutage, über zwanzig Jahre nach dem Fall des Eisernen Vorhangs und acht Jahre nach der großen EU-Osterweiterung 2004 immernoch maßgeblich von der traditionellen Westintegration des Kalten Krieges geprägt. Die deutsche Außenpolitik wird in der Öffentlichkeit oft engstirnig auf das Verhältnis zu den Nachbarn im Westen beschränkt, während die östlichen EU-Mitgliedstaaten weitestgehend fremd bleiben. Über die Grenzen des Baltikums, Polens oder sonstiger östlicher Nachbarländer geht der Blick zu selten hinaus. Die politische Realität ist eine andere. Deutschland liegt nicht nur geographisch in der Mitte Europas, es sollte seine Identität und seine außenpolitischen, strategischen, ökonomischen und kulturellen Interessen hinsichtlich Osteuropas endlich klar definieren. Drei Handlungsperspektiven einer vertieften deutschen Außenpolitik in Richtung Osten, eingebettet in die gemeinsame europäische Nachbarschaftspolitik, sollen im Folgenden aufgezeigt werden: 1) Die engere Kooperation mit den östlichen EU-Mitgliedstaaten, insbesondere mit Polen. 2) Das deutliche Bekenntnis zu einer ehrlichen Politik der östlichen Partnerschaft (Armenien, Aserbaidschan, Belarus, Georgien, Moldau, Ukraine). 3) Klarheit hinsichtlich der Beziehungen zu Russland und zur Türkei.

1) Die engere Kooperation mit den östlichen EU-Mitgliedstaaten, insbesondere mit Polen

Deutschland und den ostwärts gelegenen EU-Mitgliedstaaten wird eine herausragende Rolle bei der Knüpfung von Beziehungen in Richtung östliche Partner und Russland beigemessen. Dies ergibt sich teils mit positiven, teils mit negativen Vorzeichen aus der geographischen Lage, aber auch aus historischen, traditionellen und kulturellen Gegebenheiten der einzelnen Länder. Sie alle haben massive Interessen im Hinblick auf ihre östlichen Nachbarländer, sei es ein beidseitiges ökonomisches Interesse oder auch ein einseitiges Sicherheitsinteresse. Polen nimmt hier eine herausragende Stellung ein, da es mit über 38 Mio. Einwohnern demographisch ins Gewicht fällt, weil es einen wichtigen aufstrebenden wirtschaftlichen Faktor[1] mit einem kontinuierlichen und stabilen Wachstum[2] darstellt und zudem über wichtige diplomatische Beziehungen verfügt. Eine deutsch-polnische Zusammenarbeit in der Erarbeitung von kohärenten Strategien gegenüber Russland und den östlichen Partnern würde erhebliche Synergieeffekte mit sich bringen und in der EU-Außenpolitik mehrheitsfähig sein.[3] Die bislang auf bilateraler Ebene verharrenden Einzelansätze könnten unter polnisch-deutscher Federführung, durchaus auch unter Einbezug anderer regionaler EU-Mitgliedstaaten, zusammengefasst und rationaler sowie ehrlicher gestaltet werden. Den Worten des polnischen Außenministers Radosław Sikorski muss mithin glauben geschenkt werden, wenn er behauptet, “Polen ist heute nicht mehr ein Quell von Problemen, sondern von Lösungen für Europa. Wir haben jetzt die Kraft und den Willen, uns zu beteiligen.”[4]

2) Das deutliche Bekenntnis zu einer ehrlichen Politik der östlichen Partnerschaft

Das Projekt der östlichen Partnerschaft (Armenien, Aserbaidschan, Belarus, Georgien, Moldau, Ukraine) ist neben anderen ein wichtiger Baustein der angestrebten gemeinsamen europäischen Außenpolitik. Die europäischen und deutschen Interessen sind vielseitig. Die lokal vorhandenen Rohstoffvorkommen, die Lage als Transitregion für Pipelines und weitere Handelswege zwischen Kaspischem Meer und Schwarzem Meer sowie die Rolle Georgiens, Armeniens und Aserbaidschans als Brücke zwischen Russland, der Türkei und dem Nahen Osten wiegen viel zu schwer, als dass sie in der EU außer Acht gelassen werden könnten. Dabei sollte ein geostrategisches Denken in realpolitischen Einflusssphären und hinsichtlich eines region-building mit Blick auf Russland oder anderen lokalen Einflussfaktoren nicht von vorneherein verworfen werden.[5] Eine europäische Wertevermittlung und die Einbindung dieser Staaten in die europäische Einflusssphäre bedingen sich gegenseitig. Demokratische und rechtstaatliche Reformen und die Achtung von Menschenrechten müssen Ziel einer auf lange Sicht angelegten Kooperation sein und nicht deren Bedingung.[6] Eine ehrliche Partnerschaft, eine aussichtsreiche Annäherungspolitik und das Vertrauen auf die systemische Überlegenheit der europäischen Demokratie führen eher zu einer Transformation der östlichen Partnerländer als deren Blockade oder ein bedingungsloses Aufoktroyieren westeuropäischer Standards. Dazu bedarf es eines nationalen und eines europäischen Konsenses über gemeinsame Interessen und Ziele der östlichen Partnerschaft. Eine gemeinsame Visapolitik, Freihandelsabkommen, Austauschprogramme, Entwicklungspolitik finanzieller wie administrativer Natur und vor allem die Schaffung eines festen Ansprechpartners für die Länder der östlichen Partnerschaft würden geeignete Maßnahmen zur Knüpfung von engeren Beziehungen zwischen EU und östlichen Partnern sein. Diese müssten federführend von deutschen und polnischen Diplomaten erarbeitet werden.

3) Klarheit hinsichtlich der Beziehungen zu Russland und zur Türkei

Die EU-Erweiterungspolitik ist unglaubwürdig geworden. Die Türkei entwickelt sich ihrerseits wirtschaftlich, militärisch, politisch und regionalstrategisch zu einer nennenswerten Macht. Kann sich die EU ein zu befürchtendes Abwenden der Türkei von Europa leisten? Um diese Frage herum entwickeln sich bis heute mannigfaltige kontroverse Diskussionen, eine Antwort ist nicht klar zu finden.[7] Nichtsdestoweniger muss ein jeder Europäer einsehen, dass die Türkei boomt, wirtschaftlich gesünder dasteht als manches Mitgliedsland und als der unangefochtene Vermittler in die islamische Welt und nach Zentralasien hinein fungiert. Sie muss als islamischer Staat kein vollwertiges Mitglied der EU werden; vielleicht strebt sie dies als Teil der NATO auch nicht einmal mehr an. Dennoch ist ein neuer Pragmatismus für eine weitreichendere Kooperation gefragt. Deutschland hat die größten türkischstämmigen Bevölkerungsanteile in Europa, trotzdem überwiegt eine Abwehrhaltung gegenüber der Türkei. Als gestaltender Akteur wird mit der Türkei in den nächsten Jahrzehnten verstärkt zu rechnen sein, woraus gerade eine deutsche Außenpolitik Lehren und Chancen ableiten sollte. Hinsichtlich Russlands gestaltet sich die Lage noch komplexer. Die bilateralen Beziehungen zwischen Moskau und Berlin sind vor allem im ökonomischen Bereich hervorragend, jedoch tun sich gleichsam Ambivalenzen auf. Der Konfrontationskurs zwischen NATO und Russland bezüglich des Raketenabwehrsystems stellt eine vermeidbare Gefahr für das Verhältnis zu Russland dar. Des weiteren konkurrieren Russland einerseits und die EU und NATO andererseits um Einflusssphären in der Arktis, bei den Ländern der östlichen Partnerschaft und in Zentralasien.  Gleichwohl ist Mittel- und Westeuropa von russischen Gasexporten abhängig. Wünschenswert wäre auch im Verhältnis zu Russland eine allmählich Annäherung, die allerdings nur zu erreichen sein wird, wenn sich weder die EU noch Russland als “politischer Moralapostel” des jeweils anderen aufspielte. Liberalisierte Visaregelungen, Freihandelsabkommen und ähnliche Projekte dürften auch hier ein Zusammenrücken zur Folge haben und bisher vorhandene Konkurrenzen entspannen. Die gewünschte Etablierung einer europäischen Stimme in der Welt, die sich gegen Asien und Amerika behaupten können soll, ist nur mit einer zumindest partiellen Einbindung oder Nähe zu Russland und seinen politischen und ökonomischen Faktoren denkbar.

Fazit: Der Blick der deutschen und damit auch der europäischen Außenpolitik insgesamt geht bislang zu selten in Richtung Osten, obwohl das Prinzip der alternativlosen Westintegration nunmehr Teil der europäischen Geschichte ist. Es besteht die Gefahr, dass Chancen unausgeschöpft und Kooperationsmöglichkeiten unbedacht bleiben. Interessen werden nur schwammig formuliert und Strategien werden unzulänglich und irrational ausgearbeitet, sodass die Außenpolitik in Richtung Osten weit hinter ihren Möglichkeiten bleibt. Im Rahmen einer nationalen Bündelung der Interessen könnte in Deutschland die Position eines Sonderbeauftragten der Bundesregierung institutionelle Klarheit und Handlungsmotivation schaffen.[8] Zusammen mit anderen europäischen Partnern, vor allem mit Polen, könnte aus der internationalen Zusammenführung national gebündelter Interessen eine gemeinsame europäische Haltung erwachsen. In dieser europäischen Haltung müssen Wertmaßstäbe und ökonomische wie geostrategische Interessen gleichermaßen formuliert sein, aber nicht kontradiktorisch gegeneinander stehen. Auf die einzelnen Gegebenheiten der Akteure der östlichen Partnerschaft sowie der spezifischen Lage Russlands und der Türkei ist gezielt einzugehen. Deutschland und Europa können es sich nicht leisten, Osteuropa nur unzureichend zur Kenntnis zu nehmen. Es ist vielmehr als einer der zentralen Meilensteine auf dem Weg hin zu einer gemeinsamen, kohärenten und ehrlichen europäischen Außenpolitik zu betrachten.

Östliche Partnerschaft, Grafik: http://www.europarl.europa.eu

Info: Dieser Artikel ist im Kontext der Deutschen außen- und sicherheitspolitischen Blogger entstanden. Unter der zuvor gemeinsam diskutierten Fragestellung “Quo vadis deutsche Außenpolitik?” haben die teilnehmenden Blogger selbstständig ausgewählte thematische Nischen bearbeitet, und kommen somit bewusst zu verschiedenen Antworten auf die gestellte Frage. Ein Blick auch auf die anderen Artikel ist sehr zu empfehlen und offenbart in Ansätzen den Facettenreichtum und die Versiertheit der außen- und sicherheitspolitischen Netzdebatte im deutschsprachigen Raum.

[1] Vgl. Eurostat Tables, Graphs and Maps Interface, 2.2.8-r1822-2012-04-02 (PROD).
[2] Vgl. Astheimer, Sven: Konjunktur in Europa. Polen als Insel im Osten, in: FaZ.net, 09.12.2011.
[3] Vgl. Deutsche Außenpolitik und Östliche Partnerschaft. Positionspapier der Expertengruppe Östliche Partnerschaft, DGAPstandpunkt 2, 2012, S. 2.
[4] Sikorski, Radosław: “Ich fürchte die deutsche Untätigkeit.” Europa erlebt gerade seinen beängstigendsten Moment. Nur Berlin kann den Niedergang abwenden, in: ZEITonline, 03.12.2011.
[5] Vgl. Makarychev, Andrey: Russia – EU. Competing Logics of Region Building, DGAPanalyse 1, 2012, S. 6ff.
[6] VglDeutsche Außenpolitik und Östliche Partnerschaft. Positionspapier der Expertengruppe Östliche Partnerschaft, DGAPstandpunkt 2, 2012, S. 3.
[7] Vgl. Plädoyer von Altbundeskanzler Gerhard Schröder. “Die EU braucht die Türkei als vollwertiges Mitglied”, in: Euractiv, 20.04.2012.
[8] Vgl. Deutsche Außenpolitik und Östliche Partnerschaft. Positionspapier der Expertengruppe Östliche Partnerschaft, DGAPstandpunkt 2, 2012, S. 4.
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Ein möglicher Nicaraguakanal als Konkurrenz zum Panamakanal?

In der hiesigen sicherheitspolitischen und geostrategischen Debatte fällt der Blick selten auf die Region Mittelamerika. Doch gerade für den internationalen Warenverkehr auf See ist Mittelamerika, namentlich aufgrund des Panamakanals, der den Atlantik mit dem Pazifik verbindet, von herausragender Bedeutung. Sebastian Schulte, Blog-Manager von Meer Verstehen des Deutschen Maritimen Instituts e.V. und Oberleutnant zur See der Reserve schreibt auf Sicherheit vernetzt exklusiv über das Streitthema eines Konkurrenzbaus in Nicaragua und dessen wirtschaftliche und politische Auswirkungen in der Region und weltweit:

In der Mai-Ausgabe des Fachmagazins MarineForum lesen wir folgende Kurzmeldung:

“Konkurenz für den Panamakanal

Die seit langem in Nicaragua bestehenden Pläne für den Bau eines Kanals als Verbindung zwischen Atlantik und Pazifik in Konkurrenz zum Panamakanal scheinen nun zum wiederholten Mal wieder aufzuleben. Präsident Daniel Ortega hat dies kürzlich verkündet. Das Großprojekt soll mit Hilfe der Länder der Bolivianischen Allianz unter Führung Venezuelas finanziert werden. Im Mittelpunkt der Pläne stand und steht wieder der große Nicaraguasee, der über den Rio San Juan mit dem Atlantik verbunden ist. Bei vorangegangenen Plannungen, in die der Rio San Juan einbezogen war, gab es jedoch immer wieder Konflikte mit Costa Rica, das ebenfalls an den Fluss grenzt. Als Nicaragua 2010 begonnen hatte, das Flussbett aszubaggern, angeblich um das Anlaufen des Hafens San Juan del Norte auch Kreuzfahrtschiffen zu ermöglichen, ist es deswegen zu einem solchen Streit gekommen. Nicaragua hat damals abgestritten, den Bau eines Nicaraguakanals vorzubereiten.” (MarineForum, Ausgabe Mai 2012)

Nicaragua und Panama; Grafik: Googlemaps

An der Meldung ist was dran! Tatsächlich gibt es den Panamakanal nur deshalb, weil verschiedene Kanalprojekte in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Nicaragua aus finanziellen und politischen Gründen nicht über die Plannungsphase hinaus kamen. Der Nicaraguasee ist der größte See in Mittelamerika und würde bei einem Kanalbau in jedem Fall mit einbezogen werden. Ein Nicaraguakanal würde die Verbindung San Francisco – New York um etwa 800 Kilometer verkürzen. Diese Route ist besonders für China, Japan und andere asiatische Staaten für ihren Handel mit den USA wichtig, aber auch der europäische Seehandel nach Ostasien würde von dem Kanal profitieren. Außerdem könnte der Kanal von Anfang an auf die heutigen Superfrachter zugeschnitten werden und die Nutzung durch Schiffe von bis zu 250.000 Tonnen erlauben. Der Panamakanal leidet schon länger an Kapazitätsproblemen, heute können nur Schiffe mit maximal 65.000 Tonnen den Kanal durchfahren. Bis 2014 sollen die 2007 begonnenen Erweiterungsarbeiten abgeschlossen werden, diese sollen dem Panamakanal erlauben Schiffe von bis zu 180.000 Tonnen aufzunehmen. Im Jahre 2009 haben etwa 299,1 Millionen Tonnen Schiffsraum den Panamakanal durchfahren.

Konzeptzeichnungen des Panama- und Nicaraguakanals im Vergleich; Grafik: Meyer Lexikon, 1888.

Spannend wird es, wenn man die Entwicklung der Kontrolle über die Handelsflüsse betrachtet: Der Panamakanal selbst wird von der Regierung Panamas durch die Panama Canal Authority (ACP) betrieben. Allerdings werden seit 1999 die jeweiligen Endhäfen des Kanals, Cristobal und Balboa, von einer chinesischen Investorengruppe betrieben. Dieser Umstand ließ die heutige US-Aussenministerin Hillary Clinton im Jahre 2006 zu der Äußerung hinreißen, dass China den Panamakanal kontrollieren würde.

Das neuerliche Interesse an einem Nicaraguakanal wird ebenfalls maßgeblich von Konkurenten der USA getragen. Das sozialistische Venezuela unter der Führung von Hugo Chavez ist offen antiamerikanisch eingestellt. Die von Chavez als sozialistische Wohlstandsphäre gegründete “Bolivianische Allianz für die Völker unseres Amerika” ALBA (Alianza Bolivariana para los Pueblos de Nuestra América) soll in den aktuellen Plänen die führende finanzielle Kraft hinter einem Kanalprojekt sein. Nicaragua, unter dem sozialistischen Präsidenten Daniel Ortega, ist ebenfalls Mitglied von ALBA. Trotz der Petro-Dollars von Chavez’ Venezuela, welches de facto ALBA hauptsächlich finanziert und führt, dürfte das Projekt Nicaraguakanal für die Interessierten in Mittel- und Lateinamerika nicht einfach zu stemmen sein. Daher verwundert es auch nicht, dass die Fühler bereits Richtung China zwecks Hilfe bei der Finanzierung ausgestreckt wurden.

Aus Sicht der USA ist die Entwicklung, die Kontrolle des Handelsflusses in ihrer eigenen Region an China und andere nicht-westliche Bündnisse zu verlieren sicherlich bedenklich. Werden die USA zwei Kanäle in Mittelamerika unter chinesischer Kontrolle dulden?

Sebastian Schulte
Meer Verstehen

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Literaturvorstellung: Eine provokante Behauptung. Öl, Gas, Kohle und Uran sind für die armen Länder unverzichtbar

Ganteför, Gerd: Eine provokante Behauptung. Öl, Gas, Kohle und Uran sind für die armen Länder unverzichtbar, online unter: http://www.faszinationphysik.ch/pdf/GantefoerEnergieKlimaBevoelkerung.pdf.

Der Physiker und Klimaforscher der Universität Konstanz, Prof. Dr. Gerd Ganteför, publiziert in einer gewissen Regelmäßigkeit über Problemstellungen des bevorstehenden Klimawandels, über Energiefragen und über das unkontrollierte Wachsen der Weltbevölkerung. Der hier vorgestellte Artikel verknüpft diese Problemfelder und kommt zu einer, der allgemeinen öffentlichen Meinung widerstrebenden These, die da lautet: Die deutsche Energiewende wird sich in globalen Kategorien als komplett wirkungslos erweisen und missachtet in einem gefährlichen Maße die eigentlichen Probleme der Schwellen- und Drittweltländer und des allgemeinen Sicherheitsbedürfnisses der Weltgesellschaft.

Aus einem christlichen Menschenbild heraus entwickelt Ganteför die These, dass der Schutz des menschlichen Lebens als höchstes Gut die zentrale Aufgabe der Menschen sein müsse. Dieses höchste Gut sei allerdings in Gefahr, da einerseits die Klimaerwärmung Stürme, Fluten und Dürren zur Folge habe und da andrerseits die Überbevölkerung mittelfristig zu Hungersnöten, Epidemien und Bürgerkriegen führe. Beide Probleme seien nicht zeitgleich zu lösen, sodass Ganteför eine Abwägung anhand der Brisanz der Themen einfordert. Er schließt, dass das Bevölkerungswachstum zehn mal schneller zu akuten Problemen führen werde, als die Klimaerwärmung. Zudem sei das eine Problem durch die Lösung des anderen Problems zu entschärfen. Ganteför setzt die Geburtenrate, die sich in Schwellen- und Drittweltländern besonders hoch präsentiere, mit den allgemeinen Lebensbedingungen und dem Energieverbrauch in Korrelation und kommt zu dem Schluss, dass ein Bremsen des Bevölkerungswachstums durch Wohlstand das Hauptaugenmerk, auch von unserer Entwicklungshilfe und von unserem Technologieexport, sein müsse.

“Die Klimaerwärmung und der Bevölkerungsanstieg sind keine unabhängigen Probleme, sondern sie sind miteinander verknüpft. Bereits heute wird der Anstieg der globalen Kohlendioxidemissionen nicht mehr durch die Industriestaaten verursacht, sondern durch das Bevölkerungswachstum in den wenig entwickelten Ländern. [...] Es gibt zwei wichtige Zusammenhänge, die im Folgenden erläutert werden: 1. Wirtschaftswachstum führt zu einer Abnahme der Geburtenraten. 2. Preiswerte Energie ist eine Vorrausetzung für ein Wirtschaftwachstum in armen Ländern. Ein wachsender Verbrauch an Kohle, Gas, Öl und Uran treibt das Wirtschaftswachstum an und dies wird hoffentlich zu einer Drosselung des Bevölkerungswachstums führen.”

Erneuerbare Energien bewertet Ganteför als zu teuer und ineffektiv für das schnelle Wachstum in den Schwellenländern. Anstatt eine teure, aber kaum wirkungsvolle Energiewende in Deutschland durchzusetzen, fordert er einen Technologieexport von sicherer Kernkraft und effizienter fossiler Energienutzung in die Schwellenländer hinein. Allein durch effizientere Kohlekraftwerke in China könnte der CO2-Ausstoß um ein mehrfaches der deutschen CO2-Produktion eines Jahres eingespart werden.

Letztlich verspricht sich Ganteför durch eine zahlenmäßig begrenzte und steuerbare Bevölkerungszahl mehr Sicherheit, mehr Wohlstand und mehr Lebensqualität für mehr Menschen auf dieser Welt. Ich werte die Aussagen des Textes als erfrischend, da neben der allgemeinen erneuerbare-Energien-Welle, die ich durchaus auch für zweckmäßig und wünschenswert erachte, eine ganz andere, eine global-angelegte und ebenfalls durch Zahlen und Fakten belegte Theorie einen anderen Blickwinkel offenbart. Denn eins dürfte kaum strittig sein: In Zeiten von Ressourcenknappheit, wachsender Weltbevölkerung und großer humanitärer Katastrophen wird das heutigentags vorhandene Sicherheitsbedürfnis der westlichen Welt wahrscheinlich ins Wanken geraten, wenn nicht Lösungen für diese Probleme gefunden werden können. Diese Lösungen gilt es auch -oder insbesondere- kontrovers zu diskutieren.

Wer keine Lust hat, sich Ganteförs Gedanken in schriftlicher Form einzuverleiben, dem sei die folgende Sendung des philosophischen Quartetts auf dem ZDF empfohlen, wo Ganteför neben Frank Schätzing unter dem Titel Klimawandel – Ein Glaubenskrieg? zu Gast war. Ein Klick auf das unten eingefügte Bild öffnet das Video in der ZDF-Mediathek.

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Neu in der Blogroll: Meer Verstehen

Seit dem 16.04.2012 ist die deutsche maritime Bloggerszene um ein Mitglied reicher geworden: Meer Verstehen, das Blog des Deutschen Maritimen Instituts; DMI e.V.

Das Deutsche Maritime Institut, einst aus der Marine-Offizier-Vereinigung hervorgegangen, sieht sich selbst als Netzwerk und Think Tank für maritimes Bewusstsein in Deutschland. Es hat sich, so ist der Internetpräsenz zu entnehmen, zur Aufgabe gemacht, die maritimen Aspekte deutscher Politik, insbesondere deutscher Außen-, Sicherheits- und Wirtschaftspolitik, der Öffentlichkeit in deutlicher und fundierter Weise bewusst zu machen. Es freut mich, dass das DMI nun auch in der Bloggerszene aufgestellt ist und damit auch stärker in der Netzöffentlichkeit für die maritime Komponente unserer Sicherheit wirbt.

Sicherheit vernetzt wünscht viel Freude und Erfolg, interessante Themenstellungen und immer die nötige Handbreit Wasser unter dem Kiel.

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